Ein fragmentarischer Engel

Zu einem Kunstwerk von Peter Gilles

von Andreas Mertin

[religion unterrichten I/2005]

Das Wort „Engel“ ruft ganz unterschiedliche Assoziationen bei den Menschen hervor, je nach Umständen werden sogar vollständig differente Bilder prä­sent. Das reicht vom Racheengel und Todesengel über den kitschigen Ba­rock-Engel bis zum Engel im Himmel über Berlin im Kino-Film. Über lange Zeiten hinweg haben Engel die Menschen beschäf­tigt, sie wurden als Schutzengel gebraucht, als Boten erfahren und schließ­lich in der Mitte des  20. Jahrhunderts als veraltet und überholt abgeschrieben. Verwendet wurde der Engel im deutschen Sprachschatz damals vielleicht gerade noch als "Blauer Engel" des Umweltschutzes. Das hat sich zwischenzeitlich deutlich geändert, die Rede vom Engel hat in allen Schattierungen wieder Konjunktur.

Der Künstler Peter Gilles hat eine Skulptur geschaffen, die ebenfalls den Titel „Engel“ trägt. Der Engel von Peter Gilles trägt alles und nichts von diesem Assoziations- und Erinnerungsreichtum, die äußere Gestalt lässt durchaus an Engel denken, und dennoch ist diese Arbeit ganz anders als alles, was wir uns traditionell un­ter Engeln vorstellen. Der Betrachter sieht in einem eisernen Rahmengestell eine Figur, zusam­mengesetzt aus bzw. auseinandergefal­len in zahlreiche Holzbruchstücke. Dass es sich überhaupt um eine inszenierte anthropomorphe Ge­stalt handeln könnte und nicht bloß um eine zufällige Anordnung von Holzstücken, wird nur durch den Kopf deutlich, der das Holzensemble nach oben abschließt. Der Eindruck des Vergänglichen, Zer­brechlichen und Gefährdeten der die Inszenierung beherrscht, wird nicht nur die fragmentarische Gestalt der Holzfigur erzeugt, sondern vor allem auch mit dem Grund, auf dem sie steht. Das hat zum einen etwas mit der Arbeitsweise des Künstlers zu tun. Zu den Charakteristika des Schaffens von Peter Gilles gehört u.a., dass er mit seinem eigenen Blut arbeitet. So hat er in einer anderen Arbeit in einer Art Christusidentifikation jene Blutspur nachgezogen, die sich aus der Geißelung und Dornenkrönung Christi ergibt. Er hat mit dem eigenen Körper auf der Leinwand einen Kreis gezogen, wobei er für den Abdruck des Körpers z.T. das eigene Blut benutzt hat. Etwas von dieser Arbeitsweise ist auch in der Engelinstallation enthalten. Zugleich enthält die Arbeit insoweit Kontingentes, als dass sie mit Fundstücken, insbesondere mit Material arbeitet, dass durch einen Blitzschlag zerstört wurde.

Vielleicht wird man nicht von un­gefähr an Walter Benjamin und seinen berühmten „Engel der Geschichte“, den "Angelus novus" von Paul Klee erinnert. Dazu hat Gershom Scholem das Gedicht „Gruß vom Angelus“ geschrieben, das folgende Zeilen enthält:

Mein Flügel Ist zum Schwung bereit
Ich kehrte gern zurück
Denn blieb’ ich auch lebendige Zelt
Ich hätte wenig Glück

Mein Auge ist ganz schwarz und voll
Mein Blick wird niemals leer
Ich weiß was ich verkünden soll
Und weiß noch vieles mehr

Ich bin ein unsymbolisch Ding
Bedeute was ich bin
Du drehst umsonst den Zauberring
Ich habe keinen Sinn.

Deutlich wird hier, das Gershom Scholem den "Angelus novus" geschichtsphilosophisch interpretiert. Konsequent hat dies dann Walter Benjamin in seinen geschichtsphilosophischen Thesen getan:

"Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er  eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm."

08.11.2008
© Andreas Mertin

Es macht sehr viel Sinn, sich im Religionsunterricht nicht nur mit den konventionellen Engeldarstellungen auseinander zu setzen, sondern gerade auch die "geschichtsphilosophischen" Engeldarstellungen, wie sie uns Peter Gilles oder auch Paul Klee anbieten, mit einzubeziehen. In ihnen wird die Deutungsbedürftigkeit, aber auch die Deutungsfähigkeit der Welt deutlich. Sie stellen die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Weltgeschichte, nach Zufall (Kontingenz) und Fügung.Zuletzt bearbeitet