Aber wo ist da die Mitte?

Die Rezeption der Ausstellung "Abendmahl"

von Andreas Mertin

[Originalbeitrag]

Vom 20.06. - 30.09.1982 veranstaltete das Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart in der Alten Brüderkirche in Kassel zeitgleich zur "documenta 7" eine Ausstellung unter dem Titel "Abendmahl. Zeitgenössische Abendmahlsdarstellungen".(1) Gezeigt wurden Bilder, Plastiken und Environments von 24 Künstlern, deren Mehrzahl explizit für die Ausstellung gefertigt wurden.

Nach einer Pressenotiz kamen insgesamt fast 11.000 Besucher zu dieser Ausstellung. Bereits früh regte sich in Kreisen sich selbst als "engagiert" bezeichnender Christen energischer Widerstand, die der Ausstellung Verfehlung des Themas oder auch Blasphemie vorwarfen. Nicht zuletzt dies hat aufgrund seiner Ausschlachtung durch die Presse wahrscheinlich einen Teil der Popularität der Ausstellung begründet. Während der Dauer der Ausstellung lag ein "Gästebuch" aus, in das Besucher ihre Reaktionen auf die Ausstellung, auf einzelne Exponate und auf die Reaktionen anderer Ausstellungsbesucher eintragen konnten. Über 250 Besucher, das sind etwa 2,3% der Gesamtbesucherzahl, machten davon Gebrauch. Darüber hinaus erreichten das veranstaltende Institut Briefe "betroffener" Besucher, und in einer Briefaktion wurden alle Kasseler Pfarrer aufgefordert, ihre Gemeindeglieder vor der Ausstellung zu warnen. In den Medien wurde die Ausstellung durchweg positiv aufgenommen, das Fernsehen brachte einige Kurzberichte im regionalen und überregionalen Programm.

Im folgenden soll die Rezeption der Ausstellung kurz beleuchtet werden, soweit sie sich aus den Eintragungen der Besucher im "Gästebuch" rekonstruieren lässt. Methodisch gesehen ist die Untersuchung auf Sekundäranalysen angewiesen, Erhebungen "vor Ort" sind nicht vorgenommen worden. Dies schränkt ihren Aussagewert von vorneherein ein. So lässt sich allenfalls darüber spekulieren, welches Publikum Ausstellungen mit offenbarer religiöser Thematik besucht und welche der Besucher sich positiv oder negativ äußern. So muss zunächst unterstellt werden, dass zwischen allgemeinem Ausstellungspublikum und seinen Erwartungen und dem speziellen Publikum dieser Ausstellung eine gewisse Strukturanalogie besteht. Das findet eine Bestätigung darin, dass eine Anzahl von Besucher sich zum Vergleich auf ihren Besuch bei der "documenta 7" bezieht. Erhöht dürfte allenfalls der Anteil der Besucher sein, der in der Regel keine Kunstausstellungen besucht, diesmal jedoch durch die in der Presse herausgestellte "Blasphemie" der Ausstellung zum Besuch motiviert wurde.

I Allgemeine Voraussetzungen

Nach den allgemeinen kunstsoziologischen Untersuchungen, die bisher durchgeführt wurden, könnte man ein Publikum erwarten, das zu knapp 3% aus Arbeitern, zu 34% aus Angestellten, zu 17% aus Beamten, zu 12% aus Selbständigen und zu 34% aus in der Ausbildung Befindlichen besteht (Tab. 1). Dies entspricht der Erkenntnis, dass die Mehrzahl der Museums- und Ausstellungsbesucher als bürgerliches Mittelschichtpublikum zu charakterisieren ist.

Tabelle 1: Zusammensetzung des Museumspublikums.(2)

Bevorzugt wird von diesem Publikum vor allem die alte Kunst bis zum Impressionismus (23%), die klassische Moderne (45%) sowie auch modernere realistische Tendenzen (Tab. 2).

Tabelle 2: Kunstpräferenzen des Museumspublikums.(3)

Betrachtet man vor diesem Hintergrund die Werke der Ausstellung 'Abendmahl', so waren positive Reaktionen vor allem bei den eher 'klassischen modernen' Werken, wie etwa die von Otto Dix oder Wilhelm Schmid, zu erwarten, sowie auch bei den in irgendeiner Weise realistisch zu nennenden Arbeiten von Koeppel, Duwe und Staeck. Aktionen wie die von Timm Ulrichs, die sich nicht dem traditionellen Kunstgeschehen einordnen, dürften dagegen eher auf Widerspruch stoßen.

II Zum Umgang mit dem Abendmahl

"Die Einstellung zum Abendmahl ist weniger im bloß Rituellen, Gewohnheitsmäßigen verankert als in den Glaubens und Anschauungssystemen. Es ist klar, dass die Kirchenbesucher sich positiv über das Abendmahl äußern und die Kirchenfernen negativ. Es gibt indessen Kirchenbesucher, die dem Abendmahl relativ desinteressiert gegenüberstehen.

Betrachten wir die Gruppe der Kirchenbesucher allein und gliedere sie nach ihrer Vorstellung von der Kongruenz der Wertsysteme Kirche und Gesellschaft, dann zeigt sich, dass mit zunehmender Kongruenz der Wertsysteme - und das kann nur eine theologisch, glaubensmäßig begründete Kongruenz sein das Abendmahl sehr positiv gesehen wird. Es diene zur Vergebung der Sünden, es gehöre zu einem guten Christen, am Abendmahl teilzunehmen, man erlebe die Verbundenheit mit Christus und der Kirche, es stärke die Verbundenheit der Menschen untereinander. Das Gefühl der Geborgenheit in einer Gemeinschaft ist für viele wesentlich, und das Feierliche, Erhebende des Abendmahls spreche besonders an. Diejenigen Kirchenbesucher jedoch, die zwischen den Wertsystemen von Kirche und Gesellschaft eine Diskrepanz empfinden, sagen zwar, es gehöre zu einem guten Christen, am Abendmahl teilzunehmen, aber diese inhaltsleere Bemerkung ist im Grunde das einzig Positive ...

Andererseits sind die sonst bei den ganz Kirchenfernen hervortretenden negativen Argumente nicht zu hören. Im ganzen sieht man eine in dieser Gruppe der Kirchenbesucher schwach motivierte Beziehung zum Abendmahl, und folglich ist auch die Teilnahme am Abendmahl bei diesen Kirchenbesuchern geringer, eher sporadisch. Umgekehrt finden wir bei Nichtkirchgängern, die zwischen den Wertsystemen von Kirche und Gesellschaft Übereinstimmung empfinden, eine weitgehend positive Würdigung des Abendmahls ... Die gelegentliche Teilnahme am Abendmahl ist hier immerhin bemerkenswert. Das Abendmahl scheint demnach in einem stärkeren Maße Ausdrucksfunktion zu haben als der Kirchenbesuch, es hat stärkeren Entscheidungscharakter."(4)

III Die Besucherreaktionen

Insgesamt finden sich im 'Gästebuch' der Ausstellung 'Abendmahl' 254 Äußerungen. Dabei sind einige Personen erkennbar mit mehreren Beiträgen vertreten. Die Eintragungen sind fast ausschließlich deutschsprachig, es finden sich aber auch Eintragungen in französischer, italienischer, englischer und ungarischer Sprache. Die Länge der Äußerungen variiert zwischen dem knappen zustimmenden oder ablehnenden Wort bis hin zum mehrseitigen in das 'Gästebuch' eingelegten Brief. Von den 254 Äußerungen sind 73,6% positiv, 19,3% sind negativ und 7,1% unspezifisch, d.h. in der Tendenz nicht einzuordnen. Vernachlässigt man die unspezifischen Eintragungen, dann sind von fünf Bewertungen vier positiv und eine negativ (Tab. 3). Dies ist in Anbetracht der z.T. spektakulären Begleitumstände der Ausstellung ein überraschend positives Ergebnis. Insgesamt ist die Mehrzahl der Besucher mit Konzeption und Durchführung, wie auch mit der Tendenz der Ausstellung zufrieden. Eine Vielzahl von Besuchern äußert sich positiv überrascht, dass gerade eine kirchliche Institution Träger der Ausstellung ist. Andere betonen positiv die Differenz zwischen der Leistung der Ausstellung und der vorherigen Erwartung.

Zu einzelnen Künstlern und ihren Bildern nehmen 84 Eintragungen Stellung. Dabei äußern sich 64,3 positiv, 21,4% negativ und 14,3% unspezifisch (Tab. 4). Von vier Bewertungen sind also im Schnitt drei positiv und eine negativ, das Verhältnis ist hier etwas ungünstiger als bei der allgemeinen Ausstellungsbewertung. Kritik macht sich vor allem an konkreten einzelnen Beiträgen der Ausstellung fest, weniger an der Gesamtkonzeption. Darüber hinaus hat mancher, dem die Ausstellung insgesamt gefiel, doch etwas an bestimmten Werken auszusetzen. Von den 24 beteiligten Künstlern kommen sechs in der Bewertung durch das Publikum nicht vor.

Am häufigsten erwähnt werden die Werke von Klaus Staeck und Walter M. Förderer. Dabei überwiegt die Zustimmung die Ablehnung bei weitem (s. Tab. 5). Die Äußerungen zu Staeck sind zu 82% positiv, zu 12ö negativ und zu 6% unspezifisch. Förderer erhält 90% Zustimmung und 10% Ablehnung. Damit sind allein 31% aller Bildbewertungen zu diesen beiden Werken und fast 43% aller positiven Bewertungen. Das Objekt von Förderer wird mehrmals unter dem Aspekt der Meditation erwähnt, es wird als einladend empfunden. Die am häufigsten gebrauchte Vokabel im Kontext seines Werkes war "beeindruckend". Ein Besucher wollte das Objekt "am liebsten gleich mitnehmen". Am Werk Staecks wird vor allem das Sozialengagement hervorgehoben und gerade darin der überzeugendste Versuch gesehen, das Abendmahl in moderne Zeiten zu übersetzen. Einer der Besucher meint, Environments wie das von Staeck sollten "vor jeder Kirchtüre stehen". Zwei andere Besucher sind dagegen der Meinung, die Arbeit von Staeck sei viel zu "vordergründig" und überhaupt "Quatsch".

Zum Werk von Harald Duwe finden sich nur vier Äußerungen und hier halten sich Zustimmung und Ablehnung die Waage. Auf vehement aggressive Ablehnung stößt vor allem die Thematisierung des Abendmahls unter dem Aspekt der kannibalistischen Feier: für zwei Besucher ist der "grauenhafte Kannibalismus" "Blasphemie". "Treffend" und "beeindruckend" finden dagegen die positiven Stimmen das Werk. Auch bei Matthias Koeppels Abendmahl mischen sich positive mit negativen Reaktionen. Die Kritiker bemängeln vor allem, dass die Idee des Abendmahls hier einseitig umgesetzt wird: "Es ist nicht im Sinne eines christlichen Mahls, so krass zwischen Gut und Böse zu trennen ... Ein Startbahngegner, der einem Polizisten ein Stück Brot reicht, wäre für den Betrachter sicherlich Anlass zum Nachdenken gewesen." Die Befürworter des Bildes heben dagegen besonders hervor, dass überhaupt jemand so mutig war, das Abendmahl "mit den uns auf den Nägel brennenden Problemen" zu konfrontieren.

Ausschließlich positiv bewertet wurden die Werke von Helmut Lander, Siegfried Rischar und Werner Steinbrecher. Zu Helmut Landers Plastik meint ein Besucher: "Hier erschüttern die Hände Jesu im Holzblech oder Stahlblech gefesselt, sie können das Brot nicht brechen oder austeilen." Rischars Bild wird als "erfrischend klar", "anrührend" und "ansprechend" empfunden, Steinbrechers Arbeit als "beeindruckend" und "gut von der Aussage, her" bezeichnet.

Das einzige Kunstwerk mit ausschließlich negativen Bewertungen ist die Arbeit von Timm Ulrichs. Ein Besucher empfindet sie als "bittere Selbstdarstellung", ein anderer als "ungeheuerliche frevelhafte Satire auf Sünde und Erlösung", ein weiterer spürt nur "Kampf gegen Jesus, Kampf gegen Gott, Kampf gegen alle Gläubigen". An diesen Bewertungen ist sicher nicht zuletzt die für die Ausstellungsbesucher ungewohnte Kunstart schuld. Allzu leicht wird von ihnen die Christus-Identifikation des Künstlers als Hybris empfunden.

Der nächste Aspekt der Erörterungen sollen die Reaktionen sein, die die Besucher neben pauschaler Zustimmung oder Ablehnung zur Ausstellung geäußert sein. Dabei sind 4/5 der Äußerungen positiv, 1/5 negativ (Tab. 6). Während die ablehnenden Stimmen durchweg religiös argumentieren, teilen sich die positiven Stimmen auf. Die Mehrzahl (60%) thematisiert die Ausstellung unter dem Aspekt der persönlichen Betroffenheit, also aufgrund ihrer subjektiven Beziehung zu den Kunstwerken. 20% geben ästhetische Bewertungen ab, während weitere 20% positive Äußerungen im religiösen Kontext machen. Insgesamt bestimmen Beurteilungen wie "beeindruckend" (17x), "interessant" (12x), "regt zum Nachdenken an" (20x) oder "faszinierend" das Bild. Derartige Aussagen haben natürlich den Mangel, dass sie zu unspezifisch sind, als dass sie zu genaueren Schlussfolgerungen verhelfen könnten.

Eindeutig ist, dass die Mehrheit der Ausstellungsbesucher, die sich im 'Gästebuch' geäußert haben, weniger nach den Aussagen der Künstler zum Abendmahl gefragt haben, als vielmehr sich persönlich von den Kunstwerken hat ansprechen lassen. Eine deutlichere Auskunft von den Vorstellungen der Besucher geben Äußerungen wie "die Künstler haben das/etwas vom Abendmahl begriffen" (6x) sowie "mein Abendmahlsverständnis wurde erweitert" (6x) oder auch, dass die Werke "intensive religiöse Empfindungen" ausgelöst hätten (2x). Dezidierte Sachaussagen finden sich nur in den seltensten Fällen, allenfalls können jene Äußerungen dazu gezählt werden, die, inhaltliche Prozesse beschreiben wie "Kunst predigt" (2x) oder "das sind Anfragen an uns Christen" (4x), "die Kirche kann davon lernen." In der Beurteilung der künstlerischen Qualität überwiegen ebenfalls summarische Urteile: "gute künstlerische Qualität" (8x), "guter Wirklichkeitsausdruck" (6x) oder auch die Betonung der "Aktualität" der ausgewählten Kunstwerke (5x). Einig ist diese Gruppe darin, dass es wichtig sei, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Der Ansatzpunkt der negativen Kritiken ist eine bestimmte festgelegte Vorstellung dessen, was das Abendmahl für den Christen zu bedeuten hat. Sie deckt sich im wesentlichen mit der, die auch kirchennahe Personen äußern (s. o. II). Betont wird die Sündenvergabe, das Heilige und die Gemeinschaft mit Gott und den Menschen. Dogmatistisch werden ihre Überzeugungen erst dadurch, dass sie im Falle der Ablehnung ihrer Anschauungen mit dem Gericht Gottes drohen: "Jeder Christ, der zu dieser Schmachausstellung schweigt, macht sich mitschuldig an der Lästerung unseres HERRN JESUS heute. Darauf steht Gericht Gottes." Vor diesem Hintergrund wird befragt, ob die Künstler jene Vorstellung vom Abendmahl richtig dargestellt haben, und die Antwort lautet immer: nein. Interessant ist, dass keiner von denen, die den Werken dieser Ausstellung kritisch gegenüberstehen, Bilder im Kontext Kirche grundsätzlich ablehnt. Deutlich wird, dass sie nicht Bilder, sondern vielmehr diese Bilder ablehnen. Für die sehr einheitlich argumentierende Gruppe der Ablehnenden ist "Abendmahl etwas anderes", daher sind die ausgestellten Werke "Blasphemie" bzw. "Lästerung". Sie bemängeln vor allem, dass auf den Kunstwerken "Jesus nicht der Mittelpunkt" sei. Gefordert wird von den Künstlern ein "persönliches Glaubensverhältnis im Sinne der Bibel". Die Kritiker dagegen wähnen sich im Besitz eines solchen biblischen Glaubensverhältnisses und wissen daher, "Gott sei Dank, dass Sein Abendmahl höher ist als Seine Verhohnepipelungen in dieser Ausstellung. Wer Darstellungen wie die Grützkes nicht als Gotteslästerung empfindet, kennt offenbar den damals wie hier verhöhnten Christus nicht. Biese Ausstellung ist der biblischen Hoffnungsbotschaft nicht würdig." Ein anderer Besucher empfindet die ausgestellten Werke als Zumutung: "Eine Persiflage des christlichen Abendmahls! Was wollen auch atheistische Künstler zu dem Thema beitragen? Wer finanziert diesen Quatsch?" Ein weiterer "musste betend durch diese Ausstellung gehen, um sich nicht erdrücken zu lassen! Übereinstimmend meinen alle Kritiker "unsere heutige Zeit braucht das Evangelium - nicht Experimente mit Kunst" und "eine Abendmahlsdarstellung dieser Art gehört nicht in die Kirche einer gläubigen Gemeinde".

Überraschend ist der relativ häufige Vergleich mit der zeitgleich stattfindenden 'documenta 7'. Insgesamt äußern sich 39 Eintragungen im 'Gästebuch' dazu, das sind 15,4% aller Äußerungen. Noch überraschender aber ist es, dass dieser Vergleich höchst einseitig ausfällt: rund 82% äußern sich über die Ausstellung 'Abendmahl' positiver als über die 'documenta 7', von den verbleibenden 18% meint keiner, die 'documenta 7' sei besser, vielmehr wird sie als gleich gut eingeschätzt, bzw. wird die Abendmahlsausstellung als ideale Ergänzung zur 'documenta 7' bezeichnet. Dieses Phänomen verdient eine genauere Untersuchung. Warum wird von Ausstellungsbesuchern die 'documenta', jeweils ein Höhepunkt in der Auseinandersetzung mit aktueller, moderner Kunst, relativ so viel schlechter beurteilt als die Ausstellung 'Abendmahl'?

Die Documenta ist eine internationale Ausstellung aktueller Kunst, die von 1955 bis 1982 siebenmal im Kasseler Friedericianum und in der Neuen Galerie stattgefunden hat. Sicherlich ist die documenta in ihren Akzentsetzungen und Tendenzen immer wieder auch eine umstrittene Ausstellung, zuletzt 1982 etwa über die '7000 Steine' von Joseph Beuys vor dem Fridericianum. Dennoch sollte bei Besuchern der 'documenta 7' vorausgesetzt werden können, dass sie sich von vorneherein offen auf die neuesten Kunstentwicklungen einstellen. Einige der Publikumsäußerungen geben Hinweise auf die eingetretene Akzentverschiebung. So heben einige der Besucher besonders die thematische Orientierung der Abendmahlsausstellung hervor: "Die Ausstellung hat mir wegen ihrer Greifbarkeit gegenüber den diffusen Bilder der d7 ganz gut gefallen" "Nach dem Besuch der Documenta ... Welche Kräfte werden im Künstler wachgerufen und gefordert, wenn er einen bindenden Auftrag a) als Thema, b) als Herausforderung bzw. Zwang hat, wenn er nicht nur in Selbstbespiegelung in eigenem Problembewusstsein kreist." Ein Teil der Besucher vermisst bei der "documenta 7' die Inhaltlichkeit, sie fühlen sich vor den Kunstwerken alleingelassen, sind verwirrt. In der Abendmahlsausstellung dagegen ist ein konkretes Thema vorgegeben, die Kunstwerke sind im weitesten Sinne miteinander 'vergleichbar'. Der Kenntnisstand über die zugrundeliegende Thematik dürfte zudem höher sein als der über verschiedenen Entwicklungen avantgardistischer Kunststile auf der 'documenta 7'. Zudem kommt die Ausstellung 'Abendmahl' den Kunsterwartungen des Museumspublikums eher entgegen als die 'documenta 7' (s. o. I). Die Kunstwerke sind entweder bekannten Kunststilen zuzuordnen oder sie sind konkreter, weil sie realistischen Kunststilen verpflichtet sind. So wird man die positive Beurteilung der Ausstellung im Vergleich zur 'documenta 7' wohl eher auf das Unbehagen letzterer gegenüber, als auf einen objektiven Vergleich beider zurückführen müssen. Festzuhalten bleibt aber, dass thematische Ausstellungen einem Bedürfnis des Publikums entsprechen. Sie dienen zudem einem kunstpädagogischen Zweck: der Vermittlung moderner Kunst.

IV Presseberichte und Besucherreaktionen im Vergleich

Ein Vergleich der Besucherreaktionen mit einigen vorliegenden Berichten der Tagespresse wirft noch ein besonderes Schlaglicht auf die Rezeption einiger Kunstwerke der Ausstellung "Abendmahl". Im wesentlichen ist die Verteilung der Aufmerksamkeit, die den einzelnen Kunstwerken gewidmet wird, prozentual annähernd gleich, bei der gegenüber dem Werk von Klaus Staeck sogar identisch. Timm Ulrichs und Matthias Koeppel werden in der Presse etwas häufiger behandelt, Helmut Lander, Siegfried Rischar und Werner Steinbrecher etwas seltener. In zwei Fällen weicht die Verteilung der Aufmerksamkeit jedoch stark voneinander ab. Das ist zum einen bei Harald Duwes "Abendmahl", bei dem die Presse dem Kunstwerk wesentlich mehr Aufmerksamkeit schenkt als die Besucher, und zum anderen bei Walter M. Förderers "Auferstehungsturm", über den keine Besprechungen in den vorliegenden Presseberichten auftauchen. In beiden Fällen könnten die Differenzen überraschenderweise über den Katalog erklärt werden. Harald Duwes schockierender Vergleich mit dem Kannibalismus, genauer gesagt, sein Versuch die Einsetzungsworte wörtlich zu nehmen, erschließt sich vielleicht in seiner gesamten Tragweite erst über einzelne Katalogbeiträge (etwa Hans-Jürgen Greschat "Warum essen Menschen Menschenfleisch?") und die mit dem Katalog gegebene Möglichkeit, Einzelheiten des Kunstwerks nochmals zu studieren. So wird von Fall zu Fall ein Kunstwerk erst über den Katalog verständlicher oder nachträglich bedeutsamer.

Förderers Beitrag dagegen, an dem die Eintragungen der Besucher im 'Gästebuch' vor allem die Einladung zur Meditation hervorgehoben hatten, ist im Katalog eher karg, wenn nicht sogar unzulänglich abgebildet worden. Jedenfalls kann der emotionale Eindruck, den das Kunstwerk vermittelt, im Katalog nicht oder nur unzureichend reproduziert werden. So mag er allmählich in der Erinnerung verblassen.

V Zusammenfassung

Die Ausstellung "Abendmahl. Zeitgenössische Abendmahlsdarstellungen" kann mit gutem Grund als Erfolg bezeichnet werden. Nicht nur, dass in kürzester Frist an die 11000 Besucher eine kirchliche Ausstellung besucht haben, darüber hinaus äußern sich vierfünftel positiv über die Gesamtkonzeption und dreiviertel positiv über die Künstler und ihre Werke. Am besten werden von allen Werken die sozial engagierten und die meditativen (mit Ausnahme eines gegenstandsfreien) aufgenommen. Sie entsprechen wohl einem latenten Bedürfnis der Besucher nach Verbindlichkeit. Dagegen stoßen Werke, deren Stil aus dem Rahmen fällt, auf Vorbehalte, dann zumal, wenn der Künstler innerhalb eines religiösen Kontextes (provokatorisch) eine Christus-Identifikation vornimmt.

Negative Stimmen gegenüber der Ausstellung artikulieren sich fast ausschließlich auf religiösem Gebiet. Die Differenz zwischen der Erwartungshaltung der Betrachter und den von den Bildern repräsentierten Ideen ist so groß, dass sie nicht überwunden werden kann, zumal diese kritische Gruppe mit einer in sich geschlossenen Argumentationskette arbeitet.

Positive Stimmen nehmen zunächst einmal Bezug auf ihr eigenes Erleben, ihren subjektiven Umgang mit dem Kunstwerk. Auch hier bestimmt weitgehend die Differenz zwischen Erwartungshaltung der Besucher und dem in der Ausstellung Gezeigten die Reaktionen, nur diesmal positiv. Viele Besucher hatten von einer kirchlichen Ausstellung eher auch kirchliche Kunst erwartet und waren daher angenehm enttäuscht. Soweit sich die Reaktionen auf religiösem Gebiet artikulieren, sind sie bestimmt von der Erfahrung, dass die Werke der Ausstellung in der Lage waren, neue Verstehenshorizonte des christlichen Abendmahls zu erschließen. Soweit sich die positiven Wertungen auf Ästhetisches beziehen, heben sie vor allem die realistischen Tendenzen und die Widerspiegelung der Wirklichkeit hervor.

Die Bevorzugung der Realisten erklärt wahrscheinlich auch, warum die Ausstellung im Vergleich zur "documenta 7" so gut beurteilt wird. Während die Vielfalt der neuen Kunststile auf der "documenta 7" den Besucher verwirrt, wird ihm bei der Abendmahlsausstellung die 'Arbeit' mit der Kunst durch die thematische Vorgabe und die realistischen Tendenzen erleichtert.

Beim Vergleich der Presseberichte mit den Besucherreaktion wird an zwei Kunstwerken exemplarisch deutlich, welche Funktion dem Katalog zukommen kann. Während die Besucher ihre Eindrücke auf die Kunstwerke spontan nach dem Besuch der Ausstellung äußern, sind die Äußerungen der Journalisten stärker vermittelt. Der Katalog kann durch begleitende Informationen den Kontakt zu einem Werk vertiefen oder auch seine besondere Brisanz ins Bewusstsein heben. Er ermöglicht so die ästhetische Nacharbeit.

Anmerkungen

  1. Vgl. Schwebel, Horst / Schmidt, Heinz-Ulrich (Hg.): Abendmahl. Zeitgenössische Abendmahlsdarstellungen. 20.06.-30.09.82, Alte Brüderkirche Kassel. Marburg 1982.
  2. Rainer Wick, Das Museumspublikum als Teil des Kunstpublikums (1978); in: Wick/Wick-Koch, Kunstsoziologie. Bildende Kunst und Gesellschaft, Köln 1979.
  3. Ebd.
  4. G. Schmidtchen, Gottesdienst in einer rationalen Welt. Religionssoziologische Untersuchung im Bereich der VELKD, Stuttgart 1973

© Andreas Mertin